Foto: Frank Sauer
Interview

Herta Lindemann: Wenn sich die Tür nur einen Spalt öffnet, stelle deinen Fuß hinein, öffne sie und gehe weiter!

Das Leben von Herta Lindemann ist eine faszinierende Geschichte über Mut und Kraft, Schicksalsschläge zu überwinden, den Glauben an sich selbst und Familienwurzeln. Über Flucht, Rückkehr und Versöhnung.  So heißt auch der Dokumentarfilm, der erst vor kurzem über Herta gedreht wurde (Flucht, Rückkehr und Versöhnung: Herta Lindemann kommt nach Hause, Deutschland 2019, Regie und Kamera: Frank Sauer).

Herta wurde als erstes von drei Kindern von Paul und Serafine Burghart im Jahre 1920 im Dorf Groß Kunzendorf in der Altvaterregion (heute Jeseniky) geboren. Sie ist hier nach eigenen Aussagen in einer unbeschwerten Zeit groß geworden, in einer Welt, die für sie bis 1938 weitgehend in Ordnung war. Nach Abschluss des Gymnasiums in Freiwaldau (Jesenik)  studierte sie bis 1942 an der Karls-Universität in Prag. Ihre Familie legte großen Wert auf eine gute Ausbildung, auf Fremdsprachen, Respekt und Toleranz gegenüber anderen Nationalitäten und Kulturen.

Herta teilte das Schicksal von mehr als 2,5 Millionen Sudetendeutschen, die 1945 aus ihrer Heimat in der Tschechoslowakei vertrieben wurden. Es gelang ihr, mit einem schwedischen Transport nach Schweden zu flüchten. Dort verbrachte sie knapp drei Jahre. Dank eines Zufalls lernte sie 1947 ihren zukünftigen Mann Prof. Dr. Hans-Joachim Lindemann, einen bekannten Arzt und Wissenschaftler, kennen. Nach ihrer Heirat erhielt Herta die deutsche Staatsbürgerschaft und ließ sich in Hamburg nieder. Noch heute lebt sie in der Hansestadt und in Bayern.

Seit den sechziger Jahren besucht Herta in unregelmäßigen Abständen die Region Jeseniky und Groß Kunzendorf. Hier macht sie seit 2014 insbesondere im Umfeld der Kunst viele neue Bekanntschaften, aus denen inzwischen Freunde erwachsen sind, dank derer sie einen innerlich unbelasteten Zugang zu ihrer alten, verloren geglaubten Heimat wiedergefunden hat. Nicht nur kann sie die Traurigkeit einer Vertriebenen überwinden –  sie gibt sich mit der neuen Generation der Tschechen auch die Hand – eine symbolische Geste der Versöhnung, die für beide Seiten erfüllend ist und ermutigen soll, sich stets für eine offene geschichtsbewusste Gesellschaft zu engagieren.

Die Veröffentlichung von Hertas Schicksal, ihrer Familientradition und Weltoffenheit möge hoffentlich dazu beitragen, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren zwei Ländern weiter zu festigen. Das Wissen um unsere jahrhundertelang gewachsene Nachbarschaft hat u.a. auch ihre Tochter Serafine Lindemann inspiriert, zusammen mit Zdenka Morávková das deutsch-tschechische Festival Im Zentrum / V centru für Kunst, Musik und Literatur in Jeseniky zu gründen. Seit 2016 entdecken sie aus der Perspektive der Kunst das ehemalige Sudetenland neu und fördern mit Blick in die Zukunft Projektpartnerschaften zwischen beiden Ländern.

 Dieses Interview widmen wir Herta zu ihrem 100. Geburtstag, welchen sie in den nächsten Tagen feiern wird. Herzlichen Glückwunsch!


Ist Tschechien für Sie immer noch Heimat?

Nein, nicht der heutige Staat Tschechien. Aber, auch wenn ich in Hamburg dauerhaft Wurzeln geschlagen habe, ist Groß Kunzendorf, das Dorf meiner Kindheit in der alten Tschechoslowakei, gefühlsmäßig immer ein Stück Heimat für mich geblieben. Dort bin ich geboren und groß geworden, das zählt für mich.

Können Sie ihre Kindheit in Groß Kunzendorf beschreiben?  

Mein Vater Paul Burghart und meine Mutter Serafine Helene Czap heirateten nach dem ersten Weltkrieg 1918. Ich wurde 1920 geboren. Mein Vater war ursprünglich Militäroberst bei den Habsburgern. Nach dem ersten Weltkrieg aber ließ er sich als Berufsoffizier pensionieren und machte eine Ausbildung zum Landwirt. Unsere Familie besaß in Groß Kunzendorf einen mittelgroßen Gutsbetrieb mit schönen Häusern, Wald und Feldern. Zum Besitz zählten auch Marmorbrüche. Ich bin hier in einer unbeschwerten Zeit groß geworden, in einer wunderbaren Welt, die für mich bis 1938 weitgehend in Ordnung war.

Durch Groß Kunzendorf verläuft seit den schlesischen Kriegen eine Grenze, zu meiner Zeit die tschechisch – preußische. Der ehemals preußische Teil gehört jetzt zu Polen. Der kleine Grenzverkehr im Dorf verlief ohne Probleme. Auf der preußischen Seite sind wir z.B. zum Zahnarzt gegangen und die Preußen sind zu uns in die Kirche gekommen. Sie hatten auch den Bahnhof, den wir aber nie benutzten. Die Züge sind von dort nach Breslau in die deutsche, schlesische Ecke gefahren. Wer nach Prag oder Wien wollte, musste bei uns in Sandhübel in den Zug steigen. Wir Kinder haben uns immer über die Preußen amüsiert, weil sie so anders als wir waren. Das fing schon mit der Kleidung an. Zum Beispiel trugen die Frauen merkwürdige Hüte. Wir nannten sie Capot-Hütchen.

Auf der preußischen Seite lebte die befreundete Familie Thust. Sie waren bis zum Zweiten Weltkrieg bedeutende Steinbruchbesitzer und Marmorbearbeiter. Der schlesische Marmor ist einer der teuersten, ältesten und besonders qualitätsvollen Marmorsorten. Die Thusts waren unglaublich sozial eingestellte Menschen mit vielen internationalen Verbindungen. Wir Kinder waren oft zusammen. Nach der Vertreibung verloren wir uns aus den Augen, doch viel später haben wir uns mit Wolfgang Thust wiedergefunden! Inzwischen sind wir im regelmäßigen Kontakt und sehen uns hin und wieder. Dafür bin ich wirklich dankbar!

In Groß Kunzendorf pflegten wir alte Gebräuche. Jedes Jahr am 5. August feierten wir beispielsweise den kirchlichen Gedenktag „Maria Schnee“. Das Dorf verwandelte sich dann zu einem bunten Jahrmarkt. Es war ein herrliches Fest, auf das wir Kinder uns immer besonders freuten. Es wurden Jagden veranstaltet, an denen am Schluss ein König oder eine Königin ausgerufen wurde. Meistens war es meine Großmutter, die Jagdkönigin wurde. Sie konnte wirklich ausgezeichnet schießen. In diesen Jahren lebten wir alle fröhlich zusammen. Es war eine richtige Dorfgemeinschaft. Unsere Freunde und Nachbarn besuchten uns immer sonntags, um Karten, vor allem Tarock, zu spielen. Wir Kinder vergnügten uns beim Krocket. Man ging ins Kino, und wir wanderten viel. Einmal im Jahr veranstalteten wir ein großes Schlachtfest. Ein Schwein war für uns, das zweite bekam die Hofgemeinschaft. Wir führten natürlich kein armes Leben, das ist mir schon klar. Aber wir lernten auch,  uns respektvoll in die Dorfgemeinschaft einzufügen und Regeln zum Wohle der Allgemeinheit einzuhalten.

Die ersten zwei Jahre wurde ich mit meiner Schwester zu Hause privat unterrichtet, danach kamen wir in die Grundschule Groß Kunzendorf.  Mein Vater, der kein Tschechisch konnte, legte sehr großen Wert darauf, dass wir mehrsprachig aufwuchsen und auch die tschechische Sprache beherrschten. Ich erinnere mich, dass wir z.B. die Bücher von Božena Němcová lasen. Die Sommerferien verbrachten wir immer bei einer tschechischen Familie und umgekehrt kamen tschechische Austauschschüler zu uns. Wir hatten mit Tschechen also überhaupt keine Probleme. Die Spannungen entstanden erst durch die deutsche und später durch die tschechische Politik.

Ihre Großmutter war Französin. Wie war sie? Hat sie die französische Kultur gepflegt?

Meine Großmutter war eine vollblütige Französin, die als Tochter eines französischen Attachés in Alexandria geboren wurde, in Piräus aufwuchs und sich absolut sicher auf dem Parkett der hohen Diplomatie bewegte. Mein Großvater, Franz Czap, stammte aus der Olmützer Gegend. Er war ein sehr wohlhabender Kaufmann, der Tabakplantagen auf dem Balkan, u.a. in Bulgarien, besaß.  In Sofia hatten sie sich auf einem Diplomatenball kennengelernt. Nach ihrer Heirat zogen sie auf den Gutshof in Groß Kunzendorf.  Franz Czap und sein Bruder August hatten das „Schloss“ mit den Besitzungen 1899 von der Familie Josef Schindler gekauft. Es ist aus dem 18. Jahrhundert und gehörte einst der Adelsfamilie von Strachwitz.

Meine Großmutter blieb ihr Leben lang eine kontaktfreudige offenherzige Frau. Sie können sich vorstellen, dass sie in Groß Kunzendorf wirklich als exotisch galt, zumal sie die französische Kultur weiterpflegte. Alle kannten meine Großmutter, sie war der gesellschaftliche Mittelpunkt in unserer Gegend und verbreitete den Flair der großen weiten Welt. Sie war sehr schön, beliebt, freundlich, eine sehr gute Jägerin und wusste das „savoir vivre“ zu zelebrieren. Ich habe viele gute Erinnerungen an sie. Sie bewohnte ihr eigenes Haus, das sogenannte neue Schlösschen. Ihre Köchin musste natürlich französische Küche lernen, und uns Kindern sang sie französische Abendlieder vor.

Ihr Haus war elegant eingerichtet, sie besaß viele orientalische Bilder, Grafiken, Salonmöbel, Wandteppiche und einen großen schwarzen Flügel, auf dem alle musizierten. Das Wunderbare am Leben in Groß Kunzendorf war, dass wir uns zwischen ganz unterschiedlichen Kulturen bewegen konnten. Ich kannte keine Grenzen, was mir später in der Zukunft sehr geholfen hat.

Und welche Erinnerungen haben Sie an das damalige Leben in Freiwaldau?

In den dreißiger Jahren besuchte ich das Freiwaldauer Gymnasium. Für mich war Freiwaldau fast wie eine Weltstadt. Bekannt als Perle der Sudeten, wunderschön, lebendig und mit internationalem Ruf durch das Prissnitzbad in Gräfenberg und die Schrothkur in Bad Lindewiese. Die Kurgäste kamen von überall hierher, um sich zu erholen und zu amüsieren.  Da war immer viel los. Auf dem Platz war „Corso“ mit Cafés und kleinen Restaurants, in denen Musikkapellen spielten. Nicht weit vom Marktplatz gab es die beste Konditorei der Stadt. Sie gehörte der Familie Hackenberg. Man konnte hier wunderbare Cremeschnitten, Mohrenköpfe und Windbeutel essen!

In Freiwaldau hatte auch die weltberühmte Firma Regenhart & Raymann ihren Sitz. Sie produzierten Leinen- und Tischzeug und waren die k.und k. Lieferanten des kaiserlichen Hofs in Wien.  Meine Mutter hat nur dort eingekauft. Ein Tischtuch besitze ich heute noch. Die beiden Fabrikanten Regenhart und Raymann waren sehr nett und hochgebildet. Sie waren wirklich große Unternehmer und hatten viele Angestellte. Meines Erachtens fehlen heute in Freiwaldau bzw. Jesenik solche Arbeitgeber und Unternehmen, von denen vor allem junge Leute profitieren könnten.

Meine beste Freundin war damals zur Schulzeit Marianne Hamburger. Ihr Vater war der Oberstrichter am Gericht von Freiwaldau. Ich war oft zu Gast bei ihnen. Es war eine reiche, hochgebildete deutsch jüdische Familie, wunderbare Menschen.

Später, bevor sie abtransportiert werden sollten, haben sie sich das Leben genommen. So erinnere ich es noch. Es war sehr sehr tragisch.

Können Sie uns über Ihre Skitagestouren im Altvatergebirge erzählen?

Als ich auf dem Gymnasium war, sind wir jedes Wochenende im Winter mit Freundinnen und unserer Leiterin Trude Grün mit dem Zug nach Ramsau gefahren. Von dort aus stiegen wir mit den Skiern auf dem Rücken zum Hochschar auf. Über Heidebründel bis zum Rotenberg ging es weiter. Auf dem Rotenberg war eine Wiese, auf der wir Schneefahren übten. Abends fuhren wir auf Skiern nach Thomasdorf hinunter und mit dem Bus zurück nach Freiwaldau. Diese Tagestour war für uns nicht strapaziös, im Gegenteil! Wir liebten diese Touren. Ich war damals trainiert und verfügte über eine sehr gute Körperbeherrschung. Bis zum heutigen Tag profitiere ich davon.

Was erlebten Sie am Ende des Krieges? Erzählen Sie von Ihrer Flucht auf dem Pferd

Das war wirklich ein Abenteuer! Die Deutschen waren weg und die Russen rückten näher.  Ich war 24 Jahre alt, musste mein Studium an der Karls-Universität in Prag wegen des Krieges beenden und war nach Groß Kunzendorf zurückgekehrt.  Es war klar, die Besetzung unserer Region von den Russen stand bevor. Und wir alle hatten Angst. Wir wussten nicht, ob sie uns töten, verprügeln oder vergewaltigen würden… Es war uns zu Ohren gekommen, wie schlimm sie die Leute behandelten, besonders Gutsbesitzer wurden oft erschossen. Sie haben die Hände angeschaut, und wenn es keine Arbeiterhände waren, dann konnte es passieren, dass man als Kapitalist getötet wurde.

Damals herrschten ganz primitive Regeln, warum man ums Leben kommen konnte.  Da  habe ich mich auf mein Pferd gesetzt und bin einfach losgeritten, durch den Wald und über die Grenzgebirge Richtung Westen. Es dauerte einige Tage, fast hatte ich das Riesengebirge schon erreicht.  Die Häuser standen leer, in einem übernachtete ich. Ich werde nie das Bild des totalen Zusammenbruchs vergessen, das sich mir auf meiner Flucht bot. In den Wäldern lagen die Utensilien der geflohenen Soldaten, sie hatten alles weggeschmissen, was sie als „Deutsche“ und Nazis identifiziert hätte – eiserne Kreuze, abgerissene Epauletten…. Ich wollte nur noch raus aus der russischen Besetzungszone! Es war wirklich unheimlich. Dann aber wurde mir bewusst, ich werde es nie schaffen. Überall standen die Kontrollen. Irgendwann entschloss ich mich umzudrehen und ritt zurück nach Groß Kunzendorf. Und so geschah es, dass ich die ganze Vertreibung bei uns zuhause miterleben musste.

Konnten Sie sich überhaupt vorstellen, dass es zur Vertreibung kommt?

Überhaupt nicht. Vor der Vertreibung aber gab es noch die offiziell genehmigte Plünderung. Tschechen kamen mit leeren Koffern und nahmen, was sie wollten, und wir konnten nur zusehen.  Es war eine wirklich schlimme Zeit. Man wurde immer gleichgültiger, wollte nur überleben. Ich wusste von vielen Leuten, die kurzerhand ihre Sachen gepackt und sich nach Deutschland aufgemacht hatten. Auch uns fragte man, ob wir mitgehen wollten. Meine Mutter aber weigerte sich. Warum sollten wir unser Zuhause verlassen? Wir waren doch tschechoslowakische Staatsbürger! Mein Vater war schon tot, er ist 1942 nach einer langen Krankheit gestorben. Mein Bruder war noch als Jugendlicher an die Kriegsfront geschickt worden und verschollen. Meine Mutter, ich und meine Schwester saßen gerade beim Mittagessen, als ein tschechischer Beamte hereinkam und uns verkündete,  dass wir am nächsten Morgen mit dreißig Kilo verschwinden müssen oder als Arbeiter bleiben können. Wir sahen uns an – was machen wir jetzt? Unsere Entscheidung dauerte fünf Minuten. Dank unserer freiheitlichen Erziehung waren wir innerlich stark genug, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Die Nachricht, dass unser Bruder lebt und von den Engländern interniert worden war, hatte uns nicht mehr erreicht.  Meine Mutter kam für ein Jahr in ein Lager bei Freiwaldau, meine Schwester floh nach Österreich und ich entschied mich für Prag, wo ich noch eine Wohnung hatte. Dank meiner guten Tschechischkenntnisse und mit einem Genehmigungsschein überstand ich die Zugreise ohne Probleme. Eines Abends, als ich mit Freunden in Prag aus war, entkam ich einer plötzlichen tschechischen Kontrolle dank einer schicksalhaften Begegnung mit einem schwedischen Transport. Die Schweden versteckten mich kurzerhand in ihrem Hotelzimmer und nahmen mich am nächsten Tag in ihrem LKW mit, schwarz über die Grenzen aus der Tschechoslowakei raus in eine unbekannte Zukunft Richtung Schweden. Wir durchquerten Deutschland,  eine komplett zertrümmerte Landschaft, in der ich nur Ruinen sah, und Dänemark, wo ich viel Hass auf die Deutschen erlebte. Irgendwann erreichten wir das Land, das politisch neutral geblieben war. Nach so viel Angst, Hass, dem unfassbaren Krieg mit seinem schrecklichen Ausmaß kam mir Schweden wie ein Paradies vor, dieses friedliche Leben… ich war überwältigt und konnte es überhaupt nicht fassen, dass der Krieg doch so nah gewesen war. Meine Familie hatte ich erst später nach etwa anderthalb Jahren wiedergefunden.

Nachdem ich die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, begleitete ich als Dolmetscherin schwedische Care-Paket-Transporte u.a. nach Deutschland und Österreich.  Auf einer dieser Reisen lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Als wir von Schweden kommend kurz vor Hamburg einen Autounfall hatten, kam ich verletzt ins Krankenhaus, wo er als junger Arzt arbeitete. Er wollte grade ausgehen, als er mich auf dem Korridor entdeckte und…. es war Liebe auf den ersten Blick! Die nächsten Monate pendelte ich zwischen Schweden und Hamburg, denn als Schwedin durfte ich mich nicht lange in Deutschland aufhalten. Es vergingen noch einige Monate, bis wir endlich 1948 heiraten konnten und ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

Schweden Transport

 

Welche Gefühle hatten Sie bei Ihrer ersten Rückkehr in die Tschechoslowakei? Und wann ungefähr war das?

Zum ersten Mal bin ich in den sechziger Jahren mit ängstlichen Gefühlen in die Tschechoslowakei nach Groß Kunzendorf gereist. Durch die Beneš-Dekrete waren wir Vertriebene im Land unerwünscht. Ich fühlte mich so unsicher und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie die Fahrt funktionieren sollte. Doch dank der Begleitung eines befreundeten slowakischen Arztes traute ich mich schließlich. Unser Freund arbeitete in der Klinik meines Mannes in Hamburg und hatte während des Krieges als Partisan gekämpft. Ich weiß nicht, ob ich den Besuch in die alte Heimat allein ohne ihn geschafft hätte.

Als wir in Groß Kunzendorf ankamen, hatte eine Agrargenossenschaft ihren Sitz in den Gebäuden, die früher unserer Familie gehörten. Der Verwalter der Genossenschaft kannte mich noch von früher und war sehr nett zu mir. Als er uns durch die Häuser und unsere alten Räume führte, überfiel mich eine große Traurigkeit. Im Haus meiner Großmutter entdeckte ich dann plötzlich ihre alte Deckenlampe aus ziseliertem Glas mit den Bildern der vier Jahreszeiten und der Inschrift „printemps, été, automne, hiver“. Ich war emotional so überwältigt, dass ich zu weinen anfing. Die Reaktion des Verwalters werde ich nie vergessen: „Ich schraube Ihnen die Lampe ab und Sie nehmen sie mit!“ Das hatte er wirklich getan. Sie steht jetzt bei mir zu Hause.

Im Vergleich zu früher habe ich heute kein bisschen Angst mehr, wenn ich in die Region fahre. Im Gegenteil, jetzt freue ich mich. Wir haben neue Freunde gefunden, die alle wunderbar sind. Die jüngere Generation der Tschechen, die wir dort kennengelernt haben, zeigt so unglaublich viel Verständnis und Entgegenkommen! Sie haben mir die Hand gereicht als Zeichen der Versöhnung.

Wenn ich mit meiner Tochter nach Jesenik reise, dann fühle ich mich, als ob ich wieder zurück nach Hause kommen würde. Das ist für mich sehr beruhigend und ich bin sehr froh und dankbar dafür. Inzwischen habe ich die Traurigkeit einer Vertriebenen, die heimatlos geworden ist, überwunden. Ich hatte wirklich ein gutes Leben, aber die innere Verbundenheit zu dem Ort, wo meine familiären Wurzeln sind und der einst mein Zuhause war, ist geblieben. Vielleicht schaffe ich es ja, noch einmal, bevor ich sterbe, Groß Kunzendorf zu besuchen.

Was würden Sie unseren beiden Ländern für die Zukunft wünschen?                  

Ich bin eine überzeugte Europäerin. Ich habe einen Krieg erlebt, der so unglaublich vernichtend war! Jemanden zu hassen, nur weil er eine andere Sprache spricht, anders aussieht, eine andere Nationalität oder eine andere Kultur hat, damit bin ich nie zurechtgekommen. Schon von klein auf lernte ich von meinen Eltern, dass es unterschiedliche Kulturen und Nationen, Tschechen, Deutsche, Franzosen… gibt. Ich hatte nie Berührungsängste vor Fremden bzw. Ausländern. Ich bin sehr glücklich, inzwischen in einem vereinigten Europa leben zu dürfen, und an diesem Europa richte ich mich aus.

Neue Sprachen kann ich nicht mehr lernen, dazu bin ich schon zu alt, aber die jungen Leute sollten so viele wie möglich studieren, um sich überall verständigen zu können. Ich erinnere mich an den uralten Spruch von T.G.M., der erste Präsident, der auch mein Präsident war.  Er sagte „Kolik jazyk vy mluvíte, tolik vy ste člověk“ – „Du hast so viele Leben, wie du Sprachen sprichst“. Und das ist wahr,  Sprachkenntnisse bauen Brücken.

Wir Europäer blicken auf eine unglaublich wechselvolle Vergangenheit zurück – im guten und im bösen Sinne. Ihre Generation hat keinen Weltkrieg erlebt. Sie sind die Generation, die schon in eine andere Zeit hinein geboren wurde. Aber diese andere friedvollere Welt hat ihre Wurzeln in meiner Generation. Wir haben es erfahren und wissen, wie schnell sich alles verändern, etwas Schlimmes aus irrationalem Hass heraus entstehen kann. Im Krieg gehen gesellschaftliche Werte verloren. Heute leben wir Gottseidank in einem vereinigten demokratischen Europa, aber das muss nicht immer so   bleiben. Es gibt keine Garantie dafür, dass die EU ewig so bestehen bleibt. Internationale Verständigung, Respekt, Toleranz und Offenheit für alle Kulturen und Menschen müssen kontinuierlich gepflegt und gefördert werden. Wir dürfen nie aufhören, uns für den Erhalt von Demokratie und Frieden einzusetzen.

Was sagen Sie zu den Aktivitäten Ihrer Tochter in Tschechien? Sind Sie stolz auf sie?

Ich habe meinen Kindern und meinem Mann viel von meiner alten Heimat erzählt und wir sind auch mehrmals zusammen hingefahren. Ich freue mich sehr über die Aktivitäten meiner Tochter in Tschechien. Sie hat so viele, vor allem junge Tschechen kennengelernt. Es macht mir wirklich Spaß, das noch zu erleben. Das Festival Im Zentrum finde ich sehr positiv, so rückt das Altvatergebiet auch für Deutsche wieder näher. Meine Tochter hat mit ihrer tschechischen Partnerin in wenigen Jahren viel geschaffen und eine weitere kulturelle Brücke zwischen Deutschen und Tschechen gebaut, immer mit Blick in eine Zukunft, in der wir friedlich und versöhnt zusammenleben. Ich wünsche mir nichts mehr als das.

Ihr Leben war voller Abenteuer, dramatischen Veränderungen, bedrückenden und bedrohlichen Situationen, trotzdem wirken Sie sehr positiv. Haben Sie ein Rezept, wie man trotz schwerer Umstände optimistisch bleiben kann? 

Optimismus bedeutet für mich Hilfe zur Selbsthilfe und Selbsterhaltung. Er gibt mir die Kraft, Schlimmes zum Guten zu wenden. Lieber setze ich mich mit etwas auseinander und kämpfe dafür, als dass ich resigniere. Dieses Rezept gilt für mich bis zum heutigen Tag.

Die tragischen Ereignisse der Vertreibung haben uns Betroffene natürlich verändert. Von einem zum anderen Tag habe ich mein Zuhause und meine Heimat verloren, und wir alle sind in der Armut gelandet. Aber ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen. Mein Vater hat immer bei uns Kindern darauf gedrungen, dass wir etwas lernen müssen, um selbstbewusst unser Leben ohne die Hilfe anderer führen zu können. „Was du im Kopf hast, das kann dir keiner nehmen“. Wir waren Flüchtlinge, Opfer eines furchtbaren politischen Geschehens, hatten Nichts und konnten nur mit einer inneren festen Haltung überleben. Am besten kommt man durch, wenn man weiß, wer man ist und die Neugier darauf, wie es weitergehen könnte, nicht verliert – ganz nach dem Motto

„wenn sich eine Tür nur einen Spalt weit öffnet, stelle deinen Fuß sogleich hinein, öffne sie und gehe weiter!“

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